for Art and Technology Research
Ingeborg Reichle, "Die Entdeckung prähistorischer Kunst und ‚Buschmannmalereien‘ vor dem Ersten Weltkrieg." In: Karl-Heinz Kohl (ed.), Felsbilder: Archaische Kunst in der Moderne. Die Sammlung Leo Frobenius. Prestel Verlag, Munich, 2016, pp. 23-32.
Als Leo Frobenius (1873–1938) im Jahr 1904 zu seiner ersten Expedition in das Innere Afrikas aufbrach, um dort Ethnien zu erforschen und Objekte für Museen zu sammeln, lag die Publikation des Aufsatzes La grotte d’Altamira, Espagne. Mea culpa d’un sceptique des französischen Prähistorikers Émile Cartailhac (1845–1921) nur zwei Jahre zurück. Dieser Aufsatz aus dem Jahr 1902 gilt heute allgemein als Wendepunkt in der westlichen Rezeption prähistorischer Kunst. Der Anerkennung der Echtheit der prähistorischen Malereien von Altamira durch eine Autorität wie Émile Cartailhac ging eine Jahrzehnte schwelende Auseinandersetzung über das Alter der Menschheit und die Kunst- und Bildfähigkeit der Menschen der Vorzeit voraus, die mit einer Reihe von Publikationen des französischen Amateurarchäologen Jacques Boucher de Perthes (1788–1868) ihren Anfang nahm.
Boucher de Perthes begann, angeregt durch die experimentelle Forschung zur Typologie früher Steinbearbeitungstechniken seines Freundes Casimir Picard (1806–1841), Arzt und Naturforscher in Abbeville, im unteren Sommetal nach Fossilien und prähistorischen Artefakten zu graben. In den frühen 1840er Jahren stieß er bei Grabungsarbeiten für den Somme-Kanal in einer tiefen Erdschicht, die zugleich auch Fossilien in dieser
Region längst ausgestorbener Tiere wie Elefanten und Rhinozerosse barg, auf von Menschenhand behauene Steine. Dies war ihm ein Beweis dafür, dass die Steinartefakte vor langer Zeit von Menschen hergestellt worden waren und diese rohen Artefakte eine Spur zu egen vermochten in die Zeit der Anfänge menschlicher Kunst- und Kulturfähigkeit, die nicht mehr in den Rahmen einzupassen war, den die Erzählung der Genesis für die Entstehung des Menschen vorgab.
