for Art and Technology Research
Ingeborg Reichle, "Strategies of visibility and visualisation in works by Herwig Turk." In: Herwig Turk. Landschaft = Labor. Exhibition catalogue, ed. by Museum Moderner Kunst Kärnten, 2016, pp. 46-48.
Motiviert durch die Auseinandersetzung mit visuellen Strategien digitaler Kunst stößt Herwig Turk bei seinen Recherchen zu seiner Bildserie superorgans (1993) eher beiläufig auf die neuen Bildwelten der Medizin und der Naturwissenschaften, die zu dieser Zeit bereits geprägt sind durch den Einsatz digitaler Bilder und bildgebender Verfahren. Fasziniert von der Kluft und den Widersprüchen zwischen damals höchst virulenten medientheoretischen Debatten über den epistemologischen Status digitaler Bilder auf der einen Seite und deren umfassenden Einsatz in medizinischen und wissenschaftlichen Kontexten auf der anderen Seite, beginnt Herwig Turk sich mit instrumentellen Bildern auseinanderzusetzen, was ihn schließlich in die Laboratorien der Biowissenschaften führt. Seither lässt Herwig Turk seine Arbeiten immer wieder im Spannungsverhältnis von Kunst und Wissenschaft entstehen, wobei die Herstellung visueller Evidenz für ihn von besonderer Bedeutung ist.
Das Vertrautwerden mit der materiellen Kultur laborwissenschaftlicher Forschung führt alsbald zur Erweiterung seiner Perspektive, die sich nicht mehr nur auf die Medien und instrumentellen Bildwelten bezieht, sondern ganz grundsätzlich nach der Herstellung wissenschaftlicher Tatsachen fragt, beeinflusst auch durch die Lektüre von Ludwik Flecks Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache, einem Klassiker der modernen Wissenschaftsforschung. In der Folge entstehen in Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern, wie dem portugiesischen Zellbiologen Paulo Pereira von der Universität Coimbra, Arbeiten wie referenceless photography (1998–2003) und agglomeration (2003), agents (2007) oder labscapes (2007), die die symbolischen und medialen Praktiken der Herstellung von Wissen im laborwissenschaftlichen Kontext in den Blick nehmen und den Topos der Referenzlosigkeit digitaler Bilder bzw. bildgebender Systeme ausloten. Heute basiert die Mehrzahl der Bilder in der Medizin und in den Wissenschaften nicht mehr auf abbildenden, sondern auf bildgebenden Verfahren, wodurch das indexikalische Band zwischen Bild und Referenzobjekt gelockert wird. Herwig Turk macht sich in seinen Arbeiten zunutze, dass visuelle Medien stets durch Evidenzeffekte gekennzeichnet sind und deren bildliche Intensität eng mit ihrer medialen Form des Zeigens verbunden ist. Zudem macht er deutlich, dass wissenschaftliche Bilder nicht nur die ihnen zugewiesenen Inhalte referieren, sondern dass ihre Strategien der Sichtbarmachung das Sichtbargemachte immer zugleich auch transformieren, verändern und in ihre jeweils eigene visuelle Logik einbinden. In den unterschiedlichen Wissensbereichen kommen höchst differente Darstellungsweisen zum Einsatz und eine Vielzahl an visuellen Medien, die ihrer eigenen Logik folgen und auf ihre Weise Bedeutung schaffen und stabilisieren.
