for Art and Technology Research
Ingeborg Reichle, "Kunst und Biomasse: Zur Verschränkung von Biotechnologie und Medienkunst in den 90er Jahren." In: kritische berichte, no. 1, 2001, pp. 23-33.
Das Verhältnis von Kunst und Naturwissenschaften war seit jeher vielfältig und komplex. Seit dem Einzug laborwissenschaftlicher Methoden in die Kunst wird dieses Verhältnis zudem überaus prekär. Künstler der Transgenic Art wie Eduardo Kac und Joe Davis projektieren die Fortschreibung der Evolution durch die Kunst und lösen mit ihren imaginierten Grenzüberschreitungen ein gewisses Unbehagen aus, da diese zu einer Verwirrung der traditionellen ontologischen Ordnung führen könnten.
Zu Beginn des neuen Jahrhunderts ergreift das Pathos des Aufbruchs vor allem die Biologie, die sich zur Leitwissenschaft der Zivilisation aufzuschwingen beginnt und sich anstellt, die seit Newton führende Wissenschaft Physik abzulösen. Die neuen Gen- und Biotechnologien gelten als Anwärter auf die Schlüsseltechnologien kommender Dekaden, besonders jene, die den genetischen Code des Lebens entschlüsseln. „Wir haben immer gedacht, unser Schicksal steht in den Sternen. Jetzt wissen wir, dass es größtenteils in unseren Genen liegt“, verkündet James D. Watson, erster Direktor des Human Genome Project, eines von der amerikanischen Regierung unterstützten Milliardenprogramms, mit dem Ziel der völligen Entschlüsselung der menschlichen DNA. Watson war in den frühen fünfziger Jahren zusammen mit Francis Crick maßgeblich an der Entdeckung des Bauplans der DNA beteiligt und ist heute der Leiter eines der bedeutendsten Genforschungszentren der USA, dem Laboratory of Quantitativ Biology in Cold Spring Harbor auf Long Island, New York.