Creative Future Lab

for Art and Technology Research

Ingeborg Reichle, "Teaching for the Future: Anforderungen an eine Hochschulbildung der Zukunft." In: Gerald Bast (ed.), Digitale Transformationen - Gesellschaft, Bildung und Arbeit im Umbruch. Christian Brandstätter Verlag, Vienna, Munich, 2018, pp. 207-220.

„Technological change is exponential, contrary to the commonsense ‚intuitive linear‘ view. So we won’t experience 100 years of progress in the 21st century — it will be more like 20,000 years of progress.“ Ray Kurzweil

In Zukunft wird lebenslanges Lernen eine zentrale Rolle spielen – gerade vor dem Hintergrund des digitalen Wandels, der zugleich ein gesellschaftlicher Wandel ist. Mit der Digitalisierung und der zunehmenden Automatisierung verändern sich die Arbeitswelt und unsere Art zu leben. Die Arbeitswelt von morgen wird von vernetzten digitalen Technologien und Automatisierungsprozessen bestimmt sein, die Routinetätigkeiten in den Hintergrund treten lassen und zur Marginalisierung einer Vielzahl von Berufsfeldern führen werden.

Durch diese Entwicklung werden bestehende menschliche Tätigkeiten einem grundlegenden Wandel unterzogen, da Technik nicht mehr nur, wie es in der Vergangenheit der Fall war, manuelle Arbeit übernimmt, sondern auch analytisch-intellektuelle Aufgaben ausführen kann. Dieser Wandel wird neue Tätigkeiten für Menschen eröffnen, diese werden jedoch stets in eine technologische Rahmung eingespannt sein. Dass menschliche Tätigkeiten in der Zukunft in verstärktem Maße digitale Unterstützung und Komplementierung erfahren werden, wird zu einer Erhöhung der Komplexität und des Anforderungsniveaus der Aufgabenbereiche führen, deren Bewältigung eine zunehmende Akademisierung und Verwissenschaftlichung der Ausbildung zur Voraussetzung haben und das Vertrautsein mit (digitalen) Technologien unabdingbar machen wird. Obwohl der Verlauf zukünftiger technologischer wie auch gesellschaftlicher Entwicklungen kaum absehbar ist, ist die gegenwärtige Ausrichtung der Hochschulbildung bereits heute vor die Herausforderung gestellt, dass Absolventen immer weniger auf definierte Tätigkeiten vorbereitet werden können und neue Berufsfelder häufig an den Schnittstellen der Disziplinen entstehen. Die Aneignung disziplinenübergreifender Kompetenzen wie auch die Fähigkeit, sich neues Wissen auf Feldern zu erschließen, in welchen man nicht ausgebildet wurde, wird an Bedeutung gewinnen, da sich die Aufgabenbereiche und Anforderungsprofile der Arbeitswelt in immer rascher aufeinander folgenden Zyklen verändern und immer wieder neu ausrichten werden. Die Anforderungen an eine disziplinenübergreifende Hochschulbildung stehen jedoch konträr zu den sozialen und administrativen Konturen moderner wissenschaftlicher Disziplinen und deren Teilsysteme, die einen hohe Spezialisierungsgrad aufweisen.

Disziplinen haben sich als effiziente Systeme der Produktion und der Verbreitung wissenschaftlichen Wissens in den vergangenen zwei Jahrhunderten etabliert und sind strukturbildend für Hochschulsysteme, insbesondere für den Lehrbetrieb, der Studierende auf deren Berufsfähigkeit in bereits bestehenden Berufsfeldern vorbereitet. Die Ausdifferenzierung und Spezialisierung des heutigen überwiegend disziplinär organisierten Hochschulsystems wurde nach dem Zweiten Weltkrieg durch die Einführung und Etablierung eines Systems kompetitiver Forschungsmittelvergabe noch weiter befördert und damit wurden die Grenzverläufe zwischen den Wissensgebieten zementiert. Formen disziplinärer Spezialisierung wie auch die erfolgreiche Institutionalisierung von Disziplinen basieren jedoch nicht nur auf Forschungsgegenstand und Methode, sondern beruhen auch auf der Schaffung einer kollektiven Identität in Abgrenzung zu anderen Disziplinen (Gründungserzählungen und gemeinsames Gedächtnis) sowie der Sicherstellung einer sozialen Identität, die sich in Instituten, Studiengängen, Publikationsorganen oder Fachgesellschaften ausbildet und in der disziplinären Basisstruktur des Studiums ihren Anfang nimmt.

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Publisher
Christian Brandstätter Verlag
ISBN
9783710603570
Language
German
Year
2018
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